Regensburg Marathon 2006

Heute, bei meinem dritten Marathon nach Essen und München, hatte ich mir vorgenommen, 4h zu laufen. Nachdem ich letztes Jahr in Essen bei meiner Premiere überraschend locker 4:16 gelaufen bin, in München dann zu schnell angegangen bin und in mich ab km25 nur noch ins Ziel gequält habe, wollte ich es dieses Mal Training ganz nach Lehrbuch machen: Auf Basis eines trotz Rekordschneemengen „durchgelaufenen“ Winters Intervalle, Läufe im Marathontempo und lange ganz langsame Läufe.

Das hat auch weitgehend funktioniert: Drei Wochen vor Regensburg wurden meine Pulswerte bei den zwei Tempobereichen (langsam und Marathon) auf einmal 5% niedriger als der Durchschnitt vorher. Ein gutes Omen. Vielleicht schaffe ich die vier Stunden ja tatsächlich?

Für Schnell-Leser: Ich habe die Punktlandung geschafft: 4:00:09, auch wenn’s am Ende doch sehr hart wurde.

Aber beginnen wir mit dem Anfang: Dem Weckerklingeln früg um 5 Uhr, der Blick aus dem Fenster – kein Regen in München. Für Regensburg waren vormittags Schauer mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 35% vorhergesagt. Bewölkter Himmel, gerne auch Nieselregen, ist eigentlich mein bevorzugtes Laufwetter – also habe ich voller Optimismus zwei Honigbrötchen
vertilgt, zwei Becher Kaffee zum rechtzeitigen Ballastabwurf, und los ging’s nach Regensburg.

Kein Regen. Der kam erst ab Holledau, dann aber richtig. Am letzten Rasthof vor Regensburg durch den Regen schnell zum Ballastabwurf zweiter Teil gesprintet. Dies war der erste frühmorgendliche Treffpunkt der Läufergemeinde, die alle das gleiche vorhatten wir ich 🙂

In Regensburg schnell die Startnummer abgeholt. Dunkle Wolken türmten sich am Himmel auf. Da ich früh dran war und einen Parkplatz unmittelbar neben dem Startbereich gefunden hatte, war das Auto die Zuflucht vor dem aufziehenden Platzregen. Die Insassen der anderen Autos auf dem Parkplatz haben das wohl genauso gemacht – jedenfalls waren die Scheiben von innen beschlagen wie im Autokino…

Eine halbe Stunde vor dem Start habe ich das schöne trockene Auto dann doch verlassen und mich auf den Weg zum Start gemacht – und siehe da: Beim Einlaufen wurde der Regen weniger, und beim Start hörte er ganz auf. Er sollte auch in den nächsten Stunden nicht wiederkommen. Der Wettergott muß ein Läufer sein.

Am Start ging auf einmal alles ganz schnell – nach nur 30 Sekunden war ich schon über die Startlinie. Keine minutenlangen Staus wie bei meinen beiden ersten Marathons. Jetzt nur nicht in der Anfangseuphorie zu schnell werden. Am besten orientiere ich mich an dem 3:59 Zugläufer.

Nur daß der ein Tempo vorlegt, daß einem Angst und Bange wird. Na gut, dann lassen wir in eben ziehen.

Es ist Sonntags um neun, kaum Menschen am Wegesrand. Nur die Bands sind schon wach, und heizen und auch ordentlich ein. Danke dafür! Nach 2km kommen wir in die Altstadt, hier sind schon mehr Menschen unterwegs. Hinter der Altstadt geht es eine Ausfallstraße nach Osten. Hier trifft die Rauswärts-Strecke wieder die Reinwärts-Strecke. Ich linse auf die Kilometerschilderauf der anderen Seite: 35km – wie es mir wohl da gehen wird? Jetzt jedenfalls geht es mir gut, der Puls ist nach dem Anfangsschub wieder runter auf 155. Das sollte sich durchhalten lassen.

Bei Kilometer 9 spielt eine Band „Turn the Page“ von Metallica: „Here I go…“ Das geht durch und durch, ich höre das Lied noch den ganzen folgenden Kilometer, während ich mich fühle, als ob ich fliege. Danke, Jungs!

Der 3:59 Zugläufer ist inzwischen außer Sicht, ich laufe jedoch ruhig jeden Kilometer zwischen 5:30 und 5:40. Bei Kilometer 13, hinter Barbing, kommt die Walhalla in Sicht. Hier beginnt der landschaftlich schönste Teil der Strecke. Links die Donau, rechts Seen oder Wiesen. Gute Entscheidung, den Regensburg Marathon in einer Runde über Barbing hinaus zu führen und nicht
zwei Runden drehen zu lassen wie bisher!

Ein ganz besonderes Lob haben all die wackeren Helferinnen und Helfer bei den Verpflegungsstationen verdient: Niemals Gedrängel, fast immer habe ich meinen Becher mit einem freundlichen Lächeln in die Hand gedrückt bekommen. Es waren viel mehr Verpflegungsstationen da als auf der Rennverlaufskarte angegeben. Manchmal alle 2-3km eine. Das war gut (viel zu Trinken) und schlecht zugleich: Es ließ sich nicht recht vorausberechnen, wann die nächste Station genau kam. Im letzten Drittel, wo ich mir mit klebrigen Gels den Hammermann vom Leibe halten wollte, mußte ich aufgrund solch einer Fehlkalkulation fast 2km mit zusammengeklebten Zähnen laufen.

Die Kilometermarken zählen höher. Irgendwo am Sarchinger See dann der Ruf: „Alle nach rechts rüber!“. Die Spitzengruppe kommt uns entgegen. Es ist immer wieder ein Erlebnis, die Geschwindigkeit und Eleganz dieser Läuferinnen und Läufer zu bewundern. Die werden im Ziel sein, wenn ich diesen Punkt auf dem Rückweg passiere, mit noch knapp 20km vor der Brust!

Ich laufe weiter mein Tempo und passiere die Halbmarathon-Marke bei 1:57. In München habe ich jetzt begonnen abzubauen, aber hier kann (erstmal) keine Rede davon sein. Einfach ruhig weiterlaufen. In Friesheim, Sarching und Barbing stehen auf dem Rückweg viel mehr Menschen als auf dem Hinweg und feuern uns kräftig an. Die 30km-Marke hinter Barbing passiere ich in 2:50.

So langsam werde ich müde. Vielleicht spielen Sie gleich noch einmal Metallica? – Leider nicht, und das Stück zwischen Barbing und der Altstadt am Donauhafen entlang ist öde, öde, öde. Doch was ist das? Ich habe den 3:59 Zugläufer eingeholt, der jetzt 6min-Kilometer läuft. Ein höheres Tempo schaffe ich jetzt auch nicht mehr. Ich überhole die Gruppe zwar, komme aber nicht weg. Und eine Phalanx von 20 Läufern 20 Schritte hinter einem ist auf die Dauer nervenzerfetzend. Ich habe das Gefühl, eine im Gleichschritt laufende römische Legion ist hinter mir her. Also verstecke ich mich an der nächsten Getränkestelle hinter einem Becher ISO-Getränk und lasse sie vorbei.

Bei km35 laufen wir wieder in die Altstadt hinein. Menschen, die uns anfeuern! Abwechslungsreiche Streckenführung! Wenn ich nur nicht so müde wäre – der Mann mit dem Hammer ist heute eher ein Mann mit dem Sauger, der jetzt mehr und mehr Energie aus mir heraussaugt.

Bei Kilometer 37 geht es über die Eiserne Brücke, die schön mitschwingt. Gut daß die römische Legion schon durch ist, sonst wäre mir wahrscheinlich übel geworden. Schlecht genug ist mir auch so schon. Mußten die ollen Regensburger ihre Steinerne Brücke damals so hoch bauen? Den Anstieg muß ich gehen. Oben auf der Brückenkrone laufe ich weiter, durch enge Gassen, noch eine Schleife nach rechts. Hier könnte eigentlich passenderweise das Ziel sein. Aber nein, wir müssen noch zwei lange Kilometer leicht bergauf raus aus der Stadt zum Westbad! Das zieht sich ewig. Inzwischen laufe ich wahrscheinlich im 7min/km Tempo, aber immerhin, ich laufe noch.

Dann endlich ist das Ziel in Sicht. Der Versuch eines Sprints, ein Blick auf die Uhr: 4 Stunden glatt! Geil – 16 Minuten schneller als letztes Jahr. Dafür auch viel erschöpfter. Irgendwer hängt mir eine Plakette um und drückt mir eine Banane in die Hand. Mit der Banane im Bauch und 60 Pulsschlägen weniger werde ich langsam wieder Mensch und genieße die Super-Organisation der Regensburger: Wasser und Cola in rauhen Mengen und ohne Anstehen, eine ausführliche Massage auch fast ohne Wartezeit, und das ganze jetzt sogar bei Sonnenschein!

Fazit: Ein empfehlenswerter Marathon: Eine (meist) schöne und flache Strecke, super Organisation, das Wetter hat auch mitgespielt und ich habe mein persönliches Ziel erreicht.

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