Archiv der Kategorie: Marathon

Wien Marathon 2010

Der Winter war lang, aber jetzt ist Frühling. Schon beim letzten langen Trainingslauf durch den Münchner Westen mit R. und H. Konnten wir die Kohlenhydratspeicher bei H. Im Garten auffüllen. R. Will dieses Jahr den Jungfrau-Marathon angehen, H. mit mir zusammen in Wien seine Marathonpremiere erleben. Nun ist Samstag, und ich beneide beim Schlendern durch den Prater (nur nicht zuviel Laufen!) meine Tochter mit ihrer Zuckerwatte. Lecker Langos hier, ein paar Bier im Biergarten dort – lieber nicht, denn am Tag vor dem Marathon gilt es, kulinarische Experimente zu vermeiden. So kaufen wir auf dem Heimweg beim Billa Brot, Nudeln, Pesto und sage und schreibe ein Viertelliterfläschchen Zweigelt für die Nudelparty am Abend gemeinsam mit unserem mitgereisten Nachbarn J., der auch seinen ersten Marathon laufen wird.

Nach drei Tellern Nudeln und einem Schnapsglas Zweigelt für jeden schlafe ich gut und mache mich am nächsten Morgen auf zum Startplatz. Wir hatten uns am Wiener Oracle Büroturm verabredet. H. und sein Schützling M. (erster Halbmarathon), J. und ich.

Nach aufmunternden Worten, Marschtabellenabgleich und ein paar Heldenfotos begeben wir uns in unsere Startblöcke. Das Starterfeld kommt schnell in Gang, im Nu bin ich auf der Reichsbrücke. Zum Glück ist es nicht so warm wie am Samstag, ideales Laufwetter. Noch macht mir die Steigung der Brücke nichts aus, es geht wieder abwärts zum Praterstern und in den Prater hinein. Viel Grün taktisch günstig verteilt, um das viele Wasser vom Morgen diskret loszuwerden. Nach dem langen Wintertraining ohne Tempoeinheiten hatte ich mir einen gemütlichen 6er Schnitt mit Puls unter 150 vorgenommen, den ich die ersten Kilometer auch grob einhalte. Zwischen neun und zehn Uhr scheint der Wiener auch lieber noch zu frühstücken, so daß kein Zuschauer die Ruhe stört.

Ab Kilometer 10, am Ring, ist mehr los. Hier ist Sightseeing pur angesagt – am noch geschlossenen Naschmarkt geht aus raus zum Schloß Schönbrunn. Hier werden die ersten Staffelläufer abgeklatscht – das erzeugt großes Hallo und dient als Erklärung, warum ich auf den nächsten Kilometern auf einmal so viel überholt werde. Hinter Schönbrunn, dem höchsten Punkt des Laufs, geht es zurück zum Ring. Am Heldenplatz biegen die Halbmarathonläufer ins Ziel ab, ich allerdings muß noch eine Runde. Inzwischen habe ich H. wieder getroffen (J. ist auf 3:59 Kurs längst entschwunden) und wir machen Fotos von uns auf dem Ring.

An Kilometer 26 wird es langsam etwas öde – Donaustraße, keine Musik, keine Zuschauer – doch dann steht da meine Familie und feuert mich an. Genau der richtige Zeitpunkt! Trotzdem werde ich ab Kilometer 30 langsamer und muß H. ziehen lassen. Es geht wieder in den Prater, am Stadion vorbei die Hauptallee entlang. Ab Kilometer 32 tönt mir laute Musik entgegen, „Pirates of the Carribean“, und begleitet mich bis Kilometer 36. Die Musik geht durch und durch und gibt mir – zusammen mit dem nun wirkenden bei Kilometer 30 reingedrückten ersten Gel, einen gewaltigen Schub. Runner’s High? Ich kann mir vorstellen, warum iPods beim New York Marathon als Doping gelten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommt mit J. entgegen, genau auf 3:59 Plan und ebenfalls bester Laune. Bitte, laß die Musik bis ins Ziel weitergehen!

Leider werden meine Bitten nicht erhört – auf der Schüttelstraße bei Kilometer 38 ist es wieder totenstill und ich habe keine Lust mehr. Einen 6er Kilometerschnitt laufe ich schon lange nicht mehr, jetzt ist nur noch Ankommen angesagt. Das zweite Gel wird verdaut ohne Schub zu erzeugen. Wann kommt endlich wieder der Ring? Da ist er – Endspurt! Jetzt endlich sind die Wiener an der Strecke, Jubel links, Jubel rechts, die Gasse wird enger, da ist schon der Heldenplatz – das Ziel! Filmend laufe ich ins Ziel – 4 Stunden 22 Minuten.

Nach einigen Schwierigkeiten mit sturen Security-Leuten, den Verpflegungsbeutel zu bekommen (nach Marathons verhandle ich ungern, besonders wenn es um Essen und Trinken geht), treffe ich im Zielbereich auch H. und M. wieder. Beide haben ihr Ziel (Marathon bzw. Halbmarathon) ebenfalls geschafft, Glückwunsch. An den Kleiderwagen treffen wir J., der 3:58 gelaufen ist – bei seiner Premiere!

Gemeinsam plündern wir unsere Verpflegungsbeutel, dann gehe ich zur Ferienwohnung zurück. Frisch geduscht treffen wir uns alle mit einem Wiener Kollegen und seiner Tochter beim Cafe Landtmann zu Eis, Kaffee, Bier, Würstel und allem, was man nach einem solchen Lauf so braucht.

Nach dem langen Winterttraining ohne Tempoeinheiten hatte ich mir einen gemütlichen 6er Schnitt mit Puls unter 150 vorgenommen, den ich die ersten Kilometer auch grob einhalte.

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Meine Marathons

Ein Bild sagt mehr als tausend Laufberichte:

Marathonauswertung

  • Essen: Mein erster Marathon, Mai 2005, 4:16h. Vorsichtig angefangen, kontinuierlich schneller geworden. Im Ziel hatte ich fast das Rekordtempo meines sub-4h Laufs in München
  • München I: Oktober 2005, 4:24h. Deutlich forscher gestartet, ab km 22 heftig eingebrochen
  • Regensburg: Mai 2006, 4:00:09. Der erste Angriff auf die 4h Marke. Bis km 30 lief das auch sehr gut, danach dann weniger
  • München II: Oktober 2006, 3:57h. sub-4h geschafft. Grund: Sehr konstantes Lauftempo
  • Hamburg: April 2007, 4:20h. Kontinuierlich langsamer geworden. Endspurt am Ende.
  • New York: November 2009, 4:15h. Man erkennt die 450 Höhenmeter am unregelmäßigen Tempo. Jede längere Steigung führt auf ein neues, etwas langsameres Geschwindigkeitsplateau.

Interessant, diese nackten Zahlen mit den in den Laufberichten weiter unten festgehaltenen subjektiven Eindrücken zu vergleichen!

New York City Marathon 2009

Wenn man zum 40. Geburtstag von der der ganzen Familie einen Gutschein für New York bekommt: Was liegt näher, als mit 42 Jahren (und leider noch nicht ganz 195 Tagen…) den 40. New York Marathon anzugehen? Doch genug der Zahlenspiele, denn am 1.11.2009 war es soweit.

<Vorwettkampfgejammer>
Sechs Wochen vor dem Marathon nach 18km super Speed beim Tegernseelauf Schmerzen im Oberschenkel hinten – das, was auf Englisch so appetitlich „hamstring“ genannt wird. Also auf Ruhe schalten, nur noch die langen, langsamen Läufe am Wochenende und zwei kurze langsame dazwischen. Entspannend, wirkungsvoll (der hamstring bleibt ruhig) und eine gute Vorbereitung auf das New Yorker Tempo: Nur so schnell, daß man keine Kinderhand zum High-Five verfehlt.

Zwei Wochen vor dem Marathon umzingeln mich dann die Erkältungen: Kinder, Frau, Kollegen, alle schniefen und husten um die Wette. Also wenn schon, dann bitte jetzt gleich (damit’s nach einer Woche wieder vorbei ist) oder nie. Dank Massen von Vitamin C, zwei Paar Socken und dicken Pullovern blieb’s beim „Nie“. Was eine gesunde Einbildung für gesundheitsfördernde Wirkungen haben kann!
</Vorwettkampfgejammer>

Donnerstag abend: Müde, aber gesund in New York. Im Flugzeug, im Hotel, auf den Straßen wimmelt es von Leuten mit Laufschuhen an den Füßen. Am kernigsten sehen die Italiener aus, am sportlichsten die Franzosen, am normalsten die Deutschen und am lustigsten die Holländer. Diese vier Gruppen machen auch zusammen schon fast 30% des Starterfeldes aus. Auch mein Ziel ist eher normal und nicht kernig, eher gesund als sportlich: Den ganzen Lauf genießen, Zeit für High Fives haben, jeden „Rrrooolf“ Cheerleader zurückanlächeln, Fotos und Filme machen – und in die New York Times kommen. Aufgrund der Rekordteilnehmerzahl dieses Mal stellt sich dieses als etwas anspruchsvoller als gedacht heraus: Das Gerücht geht um, man müsse unter 4:30h statt 5:00h laufen, um noch mit auf die Seiten zu passen. Also nehme ich mir die Marschtabelle vor, die Herbert Steffny bei der Hafenrundfahrt am Freitag abend empfiehlt: 10 Minuten pro Meile, einfach zu rechnen, ergibt 4:22h. Am Freitag morgen hatte er uns schon anschaulich über die letzten zwei hügeligen Meilen des Central Park bis ins Ziel geschickt. Diese vergehen am Sonntag dann auch wie im Flug, die Steigung vor dem Abzweig in den Central Park war das Problem. Aber ich greife vor.

Vor den Marathon haben die Veranstalter am Samstag den „International Friendship Run“ vom UNO Gebäude bis neben das Marathonziel gesetzt. Ein großer Spaß in den wildesten Verkleidungen vier Kilometer durch die Wolkenkratzerschluchten von Manhattan.

Danach warten noch zwei große Herausforderungen auf den ungeduldigen und technikverliebten Läufer: Erstens am Samstag nicht mehr durch ganz Manhattan zu rennen um sich die Stadt anzuschauen und zweitens in der Nacht die diversen mitgebrachten und im Hotel vorgefundenen High-Tech Wecker so einzustellen, daß sie auch nach der in der Nacht erfolgten Umstellung auf Winterzeit zum richtigen Zeitpunkt wecken! Die Busse sollen um 5:45 Uhr fahren. Also stelle ich Handy und Hotelwecker schon mal am Abend manuell um und sicherheitshalber auf 4:00 Uhr, die Pulsuhr auf 5:00 Uhr. Mit der Folge, daß alle drei Störenfriede am Sonntag morgen zur gleichen Zeit losgehen! Ein schneller Blick in das TV-Lokalprogramm zeigt 5:00 Uhr Winterzeit, also alles in Ordnung. Ich begreife zwar nicht, warum um 4:00 nichts geklingelt hat, aber ich soll ja heute auch nicht denken, sondern laufen.

Gegen 6:30 Uhr fährt der Bus über die Verrazano Narrows Brücke nach Staten Island, also die ersten zwei Meilen in umgekehrter Richtung. Ist das hoch! Und ist das Panorama atemberaubend! Die Vorfreude wird noch verstärkt durch den leichten Nieselregen. Ich liebe Nieselregen beim Laufen. Alle meine Bestzeiten bin ich bei Nieselregen gelaufen. Aber halt: Heute will ich ja Spaß mit den Zuschauern haben, keine Rekorde laufen. Also verspreche ich dem Wettergott beim Start eine etwas aus der Mode gekommene aber ansonsten wirklich wunderschöne Winterjacke zu opfern. Das wirkt. Kein Regentropfen mehr – sogar bis zum Ende der Reise!

Die Zeit von 6:45 bis 10:00 Uhr gilt es jetzt zu warten, warm zu bleiben, Bagel und Powerbars zu essen und Wasser zu trinken, dessen Name poetisch mit „Frühling in Polen“ oder eher unsentimental mit „Polenquelle“ übersetzt werden kann. Damit man soviel Frühling nicht mit auf die herbstliche Laufstrecke mitnehmen muß, sind auf dem Gelände riesige Mengen an Dixi-Klos verteilt. Die erste Laufveranstaltung, die ich ohne Schlangen vor diesen Häuschen erlebe!

Um 9:10 Uhr wird die erste Startgruppe in ihre „Corrals“ gerufen. Für „to corral“ gibt es leider keine poetische sondern nur die unsentimentale Form der Übersetzung: „einsperren“. Daß das für alle anderen „ausperren“ bedeutet, sollten wir gleich erleben. Denn als wir (die 10:00 Uhr Welle) uns nach Aufforderung um 9:30 Uhr auf den Weg zu unseren Corrals machen, ist der Engpaß zu den vorderen fünf „Ställen“ so groß, daß wir es nicht rechtzeitig schaffen. So stehen wir kurz vor 10 Uhr neben unserem (halb leeren) Startbereich und die Tore sind zu. Kurz vor dem Startschuß rücken die Startbereiche auf, und wir sind ausgesperrt! Erste Verzweifelte beginnen über die Absperrung zu klettern und werden von den Corralwärtern unter Androhung der Höchststrafe (Startnummer abreißen) zurückgeschickt. Das Adrenalin kocht hoch, die Masse beginnt lautstark zu murren. Mit dem Ergebnis, daß berittene Polizei in die Corrals einrückt, um uns draußen zu halten. In welchem Film bin ich hier? Wir hören den Startschuß und Frank Sinatra von ferne singen und erwarten schon, von der jetzt anrückenden dritten Startwelle am Corralzaun totgedrückt zu werden, da öffnet ein Menschenfreund doch noch das Tor und wir laufen der zweiten Startgruppe hinterher. Da ist die Startmatte, da ist die riesige Brücke, es geht los. Ohne Böller und Frankie, aber was soll’s: Wir laufen!

Die ersten zwei Meilen auf der Brücke sind etwas unwirklich. Wie in Trance laufe ich, weiche weggeworfenen ihre Schuldigkeit getan habenden hochmodischen 70er-Jahre Trainingsanzügen aus, mache erste Fotos und versuche ansonsten zu vermeiden, daß mir der Wind die flatternde Startnummer und Glücksbringerkappe wegreißt. Aber in Brooklyn wird dann alles anders. Menschenmassen links und rechts, Anfeuerung, Anlächeln, High-Five, jede Meile eine andere Band – die ersten Meilen vergehen wie im Flug.

Mit jeder Meile kommen mehr Menschen dazu, sogar in Williamsburg klatschen einige der sonst eher zurückhaltenden orthodoxen Juden. Kurz vor der Pulaski-Brücke, welche die Halbmarathonmarke markiert, blinkt eine große Leuchtschrift „Slow down, sharp left turn“. Slow down? Ich schaue auf die Uhr: 10 Minuten pro Meile? Ich bin bei etwa 9:30, also auf 4:10h Tempo. Aber bis jetzt habe ich Spaß und genieße jeden Meter.

Alle Laufberichte von New York sagen voraus, daß die Müdigkeit auf der Queensboro Brücke nach Manhattan kommt, bei Meile 15. Und sie haben recht. Keine Cheerleader, nur Läufer, von denen viele schon gehen. In Manhattan angekommen, auf der First Avenue gibt es zwar wieder viele Jubler, aber die sind „bestellt“. Daran zu erkennen, daß sie nur „ihren“ Läufer suchen und ansonsten still sind, jedenfalls nicht einen Unbekannten mit „Rrrooolf“ anfeuern würden. So wie häufig in Deutschland. Einzige Ausnahme: Die ganz in Oranje gekleideten Holländer. Meine bestelle Jublerin sollte bei Meile 17 stehen. Ich sehe sie nicht, sie mich schon und macht ein wenig schmeichelhaftes Foto von mir: Tunnelblick, starr geradeaus. Hm.

Immerhin gibt es bei Meile 17 außer Gatorade (lieber nicht) und Wasser (jede Meile ein halber Becher) etwas „zu essen“: Gelpakete. Ich schnappe mir drei und beschließe diese zusammen mit den mitgebrachten Gels in einer „Zwei Meilen Strategie“ zu verputzen. Zwei Gels und vier Meilen später läufen wir in die Bronx ein, zu die deutsche Nationalhymne intonierenden Dudelsackpfeifern, und mir geht es viel besser. Ein paar Haken schlagen in der Bronx, und zurück geht es nach Manhattan.

Diese Meilenzählung hat einen psychologischen Vorteil. Es gibt nur gut 26 davon zu laufen. Und wir sind schon bei Meile 22. Jetzt sind – wie schon in der Bronx – auch wieder die Cheerleader da, die jeden persönlich nach vorne schreien. Ein Adrenalinstoß alle 20 Meter. Das gibt es nur hier! Allerdings brauche ich diese Adrenalinstöße jetzt auch, denn der lange Anstieg neben dem Nordteil des Central Parks bis zum Engineers Gate, wo wir in den Park einbiegen sollen, beginnt. Eine lange Strecke. Und ein Anstieg. Und lang. Und es geht berghoch. Ächz. Endlich biegen wir ab. Es geht bergab, Meile 24 ist bald geschafft. Hier geht es mir wunderbar und das zweite Zusammentreffen mit der bestellten Jublerin läuft schon viel entspannter ab.

Zeit für ein breites Lächeln und das Abholen einen letzten Motivationsschubes. Ab jetzt kenne ich ja die Strecke vom Testlauf am Freitag. Ein paar Kurven, raus aus dem Park, ein Anstieg der sich nicht so anfühlt, wieder zurück in den Park, noch 400 Meter, noch 200 Meter, im Ziel.

Geschafft, stolz glücklich: 4:15:36 Platz 20451. Schade, schon vorbei.

Danke, New York!

Hamburg Marathon 2007

Wie macht man mit dem Marathonlaufen weiter, wenn man sein Ziel erreicht hat? Letztes Jahr in München hatte ich ja die 4h-Marke unterschritten, schneller kann und will ich mit meinem Trainigszeitbudget nicht mehr werden. Also was motiviert mich 2007, früh am Morgen ein warmes Bett gegen Training einzutauschen? Schöne Strecken und frühes Anmelden 🙂

So sollte es Hamburg werden. Weil ich die Stadt mag und auch mal wieder die Stimmung mit fast einer Million Zuschauern wie beim ersten Marathon in Essen erleben wollte.

Heuschnupfen. Und das schon im April! Das erste Mal merke ich, wie meine Trainigszeiten schlechter werden und ich einfach nicht mehr über einen bestimmten Puls drüberkomme. Sauerstoffaufnahmefähigkeit reduziert. Hustenreiz nach dem Laufen. Also mal langsam angehen lassen…

In Hamburg wird früh aufgestanden. Um 9 Uhr soll gestartet werden. Um 8 Uhr am Start ist es noch schlotterkalt und windig. Gut daß die Marathonmesse direkt neben dem Start schon auf hat – da können so Weicheier wie ich sich ins Innere flüchten.

Am Start stehe ich in Startblock G (unter 4h, ohauerha), am Gorch-Fock-Wall, leicht angesteigend. Genau hier wird auch der 42. Kilometer entlangführen. Das könnte bitter werden. Um 9:05 wird gestartet und zwei Minuten später bin ich über der Matte. Ich laufe ob der eingeschränkten Leistungsfähigkeit 6-Minuten Kilometer und werde ständig überholt. Das wird bis ca. km30 auch so bleiben. Hamburg scheint das Mekka der 4h-Läufer zu sein!

Dabei lohnt es sich so, links und rechts zu gucken! Trotz der frühen Morgenstunde stehen schon die ersten Zuschauer an der Reeperbahn und feuern an. An der Elbchaussee hat man einen wunderbaren Blick auf den Hafen, zu dem wir nach 10km hinunterlaufen. Ab Landungsbrücken stehen die Leute dicht an dicht. Ich fühle mich wohl und bekomme Hunger.

Zum Glück gibt es jetzt alle fünf Kilometer Bananen. Diese erfreuen sich reger Nachfrage – man sieht von den Händen abgewischte Bananenspuren fast an jeder schwarzen Läuferhose, die mich überholt.

Bei Kilometer 15 laufen wir mit La Ola Wellen durch den Tunnel vor dem Hauptbahnhof, dann umrunden wir die Innenalster und die halbe Außenalster – meine Laufstrecke, immer wenn ich
beruflich in Hamburg zu tun habe. Die Außenalster ist voller Segel. Es muß also ein paar vereinzelte Hamburger geben, die nicht an der Strecke stehen.

Halbmarathonzeit ist 2:05, also genau im Plan. Aber jetzt wird das Laufen zäher. Der touristische Aspekt der Strecke tritt etwas in den Hintergrund, dafür passieren wir jetzt ein Stadtteilfest nach dem anderen. Ich könnte meine Wasser und Bananen-Diät mit Sekt, Grillwürstchen, Bier, Schokolade und vielem mehr aufbessern, beschränke mich aber dann doch lieber darauf, alle mir entgegengestreckten Kinderhände abzuklatschen und den „Rolf Du schaffst das“ (glaube ich auch) oder „Rolf Du siehst guht aus“ (gleube ich zunehmend
weniger) Rufen breit entgegenzulächeln. Sehr gute Idee, die Vornamen mit auf die Startnummer zu drucken!

Kilometer 30 kommt, und ich bin müde. Wie geschickt, daß gerade hier (1) der vom Start am
weitesten entfernte Punkt ist und (2) die Ohlsdorfer die größte Sause veranstalten, durch
die ich jemals durchgelaufen bin. Volksfeststimmung und ein enger Korridor, durch den man durchläuft als wäre man Lance Amstrong auf dem Weg nach Alpe d’Huez. Das gibt wieder Kraft. Ich könnte heulen vor Glück dabeizusein – für solche Momente laufe ich Marathon.

„Jetzt geht es nur noch geradeaus“ – sagt ein Mitläufer. Glücklicherweise wird die lange Gerade jedoch am Klosterstern durch ein weiteres Volksfest unterbrochen. Die Eppendorfer versuchen Ohlsdorf noch zu übertrumpfen. Das Ergebnis ist genug Adrenalin für die letzten fünf Kilometer.

Bei Kilometer 40 wird die Bananen- und Wasser-Diät überraschenderweise durch Red Bull ergänzt. Ich denke an den Anstieg kurz vor Schluß und genehmige mir einen Becher. Dazu noch ein letzte Anfeuerungsschrei meiner Frau und meiner Freunde vor dem Bahnhof Dammtor, und ich kann mein inzwischen etwas abgesacktes Tempo noch einmal anziehen. Ich fliege buchstäblich den Gorch-Fock-Wall hinauf. Jetzt kann ich schon das Ziel sehen. Der Sprecher nennt jeden Läufer mit Namen, es gibt eine Ehrentribüne mit Sitzplätzen(!) auf den letzten Metern – aber vor allem: Ich bin im Ziel.

Fazit: Super Wetter, super Stimmung, schöne Strecke. Zeit: 4:20, Puls die ganze Zeit im GA-II Bereich. Ein echter Genußlauf.

München Marathon 2006

3:57. Unter 4h. Und es hat Spaß gemacht 🙂

Bei meinem 4. Marathon wollte ich (nach 4:00:09 in Regensburg) endlich die 4h-Marke knacken und wählte einen 3:45 Trainigsplan. An diesen hielt ich mich auch stoisch, bis ich nach dem Achenseelauf vor fünf Wochen Probleme mit einer gereizten Achillessehne bekam. Also Wochenumfänge runter auf einen Lauf in der Mitte der Woche und die langen Läufe am Wochenende. Sehr lange Taperingphase sozusagen.
Eine Woche vorher umzingelten mich dann die Bakterien: Die Frau braucht drei Pakete Taschentücher am Tag, die Kinder husten um die Wette. Bloß nicht anstecken, nach dem Lauf kann mein Immunsystem immer noch die weiße Fahne hissen!

Beste Voraussetzungen also für einen gelungenen Lauf. Ich war so damit beschäftigt, in mir nach Erkältungsanzeichen zu forschen, daß die ganze Aufregung vergessen war und ich die Nächte vor dem Lauf wie ein Murmeltier geschlafen habe. Nun, vielleicht waren es auch die vielen Nudeln am Abend.

Die Wettervorhersage hatte 5-16°C bei klarem Himmel vorausgesagt. Optimal. Ich stand kurz hinter dem 3:45 Zugläufer und hatte so vom Start weg gleich eine Gruppe in ungefähr meinem Tempo, ohne viel „hindernislaufen“ zu müssen.

Ab halt, 3:59 sollte doch mein Ziel sein. Bei km3 widerholte ein Moderator immer wieder gebetsmühlenhaft „Ihr seid zu schnell, die ersten 5km merkt Ihr bei km35, usw“. Der Mann muß Läufer sein, denn das war genau die richtige Ansprache. Auf dem Rückweg kamen wir bei km40.5 wieder dort vorbei und hörten die dann ebenfalls genau passenden Durchhalteparolen.
Aber zurück zu den ersten Kilometern. Erfolgreich gebremst, lief ich diese mit konstant 5:35. Durch Schwabing, Leopoldstraße, Siegestor, Marienplatz – Sightseeing pur. Wenn bloß mehr Menschen schon so früh auf den Beinen gewesen wären. Aber die haben wahrscheinlich das letzte schöne Wochenende für eine Bergtour genutzt.

Bei km19 lief ich in Berg am Laim fast bei mir vor der Haustür vorbei. Frau und Kinder umarmt (jetzt können mir deren Bakterien auch nichts mehr anhaben) und weiter gehts. Letztes Jahr kam kurze Zeit später im (zugegeben) läuferisch eher langweiligen Münchner Osten mein Einbruch. Dieses Jahr lief ich konstant meine 5:35 weiter und fühlte mich gut. Ich begann zu überholen, seltsamerweise auch die ersten mit „Deutsche Meisterschaft“-Startnummern.

Es wurde nun langsam wärmer, aber die Verpflegung war vorbildlich organisiert. Alle 2.5km Wasser, alle 5km Wasser, Banane und Energieriegel. Ich nahm immer von allem, erst Wasser im Gehen, Banane in die linke, Riegel in die rechte Hand und laufend kleine Portionen abbeißen. Das hat super funktioniert, Durst und Hunger kamen – anders als im letzten Jahr – nicht auf.

km 28, Eingang englischer Garten. Bis km35 kamen die Kilometerschilder meist eher(!) als erwartet, erst danach wurde es langsam anstrengender. Aber jetzt liefen wir schon über die Leopoldstraße wieder nach Schwabing ein. Zuschauer, viele Zuschauer, die einem zujubeln. Das tut gut zum Schluß. Die bayerische Blaskapelle bei km39 gönnte sich ein Päuschen, aber dafür gab’s kurz danach nochmal lecker Banane und Riegel.

Schon ging es auf die letzten Meter, durch das Marathontor mit Trockeneis ins Stadion. Noch 300m. Ah, ein Fotograf. Lächeln…und drei Schritte später legt es mich der Länge nach auf die Tartanbahn. Ein Aufschrei geht durchs Stadion, aber ich rappele mich wieder hoch, sammle mein herausgefallenes Brillenglas ein und laufe durchs Ziel. Erst hinter dem Ziel schaut mir ein Sanitäter ins Gesicht und sagt die Worte, die man nie von einem Sanitäter hören will: „Oh-oh“, und ab geht’s auf der Bahre ins Zelt. Ich bekomme meine Medaille in die Hand gedrückt und einen Brillenbügel wieder aus der Wange operiert. Glück gehabt, das nächste Mal laufe ich mit Weichgummi-Sportbrille. Ein blaues Auge und eine Medaille – wie habe ich auf mindestens fünf selbstgemalten Schildern gelesen? Der Schmerz vergeht, der Ruhm bleibt.

Nun, Schmerzen habe ich heute keine mehr. Keine steifen Beine, kein Ziehen in der Achillessehne, keine Erkältung, dem Auge und der Wange geht’s (bis auf die Farbe) gut. Dafür mein Ziel geschafft: 3:57:13, alle Kilometer zwischen 5.35 und 5:38, und viel Spaß gemacht hat’s auch!

Regensburg Marathon 2006

Heute, bei meinem dritten Marathon nach Essen und München, hatte ich mir vorgenommen, 4h zu laufen. Nachdem ich letztes Jahr in Essen bei meiner Premiere überraschend locker 4:16 gelaufen bin, in München dann zu schnell angegangen bin und in mich ab km25 nur noch ins Ziel gequält habe, wollte ich es dieses Mal Training ganz nach Lehrbuch machen: Auf Basis eines trotz Rekordschneemengen „durchgelaufenen“ Winters Intervalle, Läufe im Marathontempo und lange ganz langsame Läufe.

Das hat auch weitgehend funktioniert: Drei Wochen vor Regensburg wurden meine Pulswerte bei den zwei Tempobereichen (langsam und Marathon) auf einmal 5% niedriger als der Durchschnitt vorher. Ein gutes Omen. Vielleicht schaffe ich die vier Stunden ja tatsächlich?

Für Schnell-Leser: Ich habe die Punktlandung geschafft: 4:00:09, auch wenn’s am Ende doch sehr hart wurde.

Aber beginnen wir mit dem Anfang: Dem Weckerklingeln früg um 5 Uhr, der Blick aus dem Fenster – kein Regen in München. Für Regensburg waren vormittags Schauer mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 35% vorhergesagt. Bewölkter Himmel, gerne auch Nieselregen, ist eigentlich mein bevorzugtes Laufwetter – also habe ich voller Optimismus zwei Honigbrötchen
vertilgt, zwei Becher Kaffee zum rechtzeitigen Ballastabwurf, und los ging’s nach Regensburg.

Kein Regen. Der kam erst ab Holledau, dann aber richtig. Am letzten Rasthof vor Regensburg durch den Regen schnell zum Ballastabwurf zweiter Teil gesprintet. Dies war der erste frühmorgendliche Treffpunkt der Läufergemeinde, die alle das gleiche vorhatten wir ich 🙂

In Regensburg schnell die Startnummer abgeholt. Dunkle Wolken türmten sich am Himmel auf. Da ich früh dran war und einen Parkplatz unmittelbar neben dem Startbereich gefunden hatte, war das Auto die Zuflucht vor dem aufziehenden Platzregen. Die Insassen der anderen Autos auf dem Parkplatz haben das wohl genauso gemacht – jedenfalls waren die Scheiben von innen beschlagen wie im Autokino…

Eine halbe Stunde vor dem Start habe ich das schöne trockene Auto dann doch verlassen und mich auf den Weg zum Start gemacht – und siehe da: Beim Einlaufen wurde der Regen weniger, und beim Start hörte er ganz auf. Er sollte auch in den nächsten Stunden nicht wiederkommen. Der Wettergott muß ein Läufer sein.

Am Start ging auf einmal alles ganz schnell – nach nur 30 Sekunden war ich schon über die Startlinie. Keine minutenlangen Staus wie bei meinen beiden ersten Marathons. Jetzt nur nicht in der Anfangseuphorie zu schnell werden. Am besten orientiere ich mich an dem 3:59 Zugläufer.

Nur daß der ein Tempo vorlegt, daß einem Angst und Bange wird. Na gut, dann lassen wir in eben ziehen.

Es ist Sonntags um neun, kaum Menschen am Wegesrand. Nur die Bands sind schon wach, und heizen und auch ordentlich ein. Danke dafür! Nach 2km kommen wir in die Altstadt, hier sind schon mehr Menschen unterwegs. Hinter der Altstadt geht es eine Ausfallstraße nach Osten. Hier trifft die Rauswärts-Strecke wieder die Reinwärts-Strecke. Ich linse auf die Kilometerschilderauf der anderen Seite: 35km – wie es mir wohl da gehen wird? Jetzt jedenfalls geht es mir gut, der Puls ist nach dem Anfangsschub wieder runter auf 155. Das sollte sich durchhalten lassen.

Bei Kilometer 9 spielt eine Band „Turn the Page“ von Metallica: „Here I go…“ Das geht durch und durch, ich höre das Lied noch den ganzen folgenden Kilometer, während ich mich fühle, als ob ich fliege. Danke, Jungs!

Der 3:59 Zugläufer ist inzwischen außer Sicht, ich laufe jedoch ruhig jeden Kilometer zwischen 5:30 und 5:40. Bei Kilometer 13, hinter Barbing, kommt die Walhalla in Sicht. Hier beginnt der landschaftlich schönste Teil der Strecke. Links die Donau, rechts Seen oder Wiesen. Gute Entscheidung, den Regensburg Marathon in einer Runde über Barbing hinaus zu führen und nicht
zwei Runden drehen zu lassen wie bisher!

Ein ganz besonderes Lob haben all die wackeren Helferinnen und Helfer bei den Verpflegungsstationen verdient: Niemals Gedrängel, fast immer habe ich meinen Becher mit einem freundlichen Lächeln in die Hand gedrückt bekommen. Es waren viel mehr Verpflegungsstationen da als auf der Rennverlaufskarte angegeben. Manchmal alle 2-3km eine. Das war gut (viel zu Trinken) und schlecht zugleich: Es ließ sich nicht recht vorausberechnen, wann die nächste Station genau kam. Im letzten Drittel, wo ich mir mit klebrigen Gels den Hammermann vom Leibe halten wollte, mußte ich aufgrund solch einer Fehlkalkulation fast 2km mit zusammengeklebten Zähnen laufen.

Die Kilometermarken zählen höher. Irgendwo am Sarchinger See dann der Ruf: „Alle nach rechts rüber!“. Die Spitzengruppe kommt uns entgegen. Es ist immer wieder ein Erlebnis, die Geschwindigkeit und Eleganz dieser Läuferinnen und Läufer zu bewundern. Die werden im Ziel sein, wenn ich diesen Punkt auf dem Rückweg passiere, mit noch knapp 20km vor der Brust!

Ich laufe weiter mein Tempo und passiere die Halbmarathon-Marke bei 1:57. In München habe ich jetzt begonnen abzubauen, aber hier kann (erstmal) keine Rede davon sein. Einfach ruhig weiterlaufen. In Friesheim, Sarching und Barbing stehen auf dem Rückweg viel mehr Menschen als auf dem Hinweg und feuern uns kräftig an. Die 30km-Marke hinter Barbing passiere ich in 2:50.

So langsam werde ich müde. Vielleicht spielen Sie gleich noch einmal Metallica? – Leider nicht, und das Stück zwischen Barbing und der Altstadt am Donauhafen entlang ist öde, öde, öde. Doch was ist das? Ich habe den 3:59 Zugläufer eingeholt, der jetzt 6min-Kilometer läuft. Ein höheres Tempo schaffe ich jetzt auch nicht mehr. Ich überhole die Gruppe zwar, komme aber nicht weg. Und eine Phalanx von 20 Läufern 20 Schritte hinter einem ist auf die Dauer nervenzerfetzend. Ich habe das Gefühl, eine im Gleichschritt laufende römische Legion ist hinter mir her. Also verstecke ich mich an der nächsten Getränkestelle hinter einem Becher ISO-Getränk und lasse sie vorbei.

Bei km35 laufen wir wieder in die Altstadt hinein. Menschen, die uns anfeuern! Abwechslungsreiche Streckenführung! Wenn ich nur nicht so müde wäre – der Mann mit dem Hammer ist heute eher ein Mann mit dem Sauger, der jetzt mehr und mehr Energie aus mir heraussaugt.

Bei Kilometer 37 geht es über die Eiserne Brücke, die schön mitschwingt. Gut daß die römische Legion schon durch ist, sonst wäre mir wahrscheinlich übel geworden. Schlecht genug ist mir auch so schon. Mußten die ollen Regensburger ihre Steinerne Brücke damals so hoch bauen? Den Anstieg muß ich gehen. Oben auf der Brückenkrone laufe ich weiter, durch enge Gassen, noch eine Schleife nach rechts. Hier könnte eigentlich passenderweise das Ziel sein. Aber nein, wir müssen noch zwei lange Kilometer leicht bergauf raus aus der Stadt zum Westbad! Das zieht sich ewig. Inzwischen laufe ich wahrscheinlich im 7min/km Tempo, aber immerhin, ich laufe noch.

Dann endlich ist das Ziel in Sicht. Der Versuch eines Sprints, ein Blick auf die Uhr: 4 Stunden glatt! Geil – 16 Minuten schneller als letztes Jahr. Dafür auch viel erschöpfter. Irgendwer hängt mir eine Plakette um und drückt mir eine Banane in die Hand. Mit der Banane im Bauch und 60 Pulsschlägen weniger werde ich langsam wieder Mensch und genieße die Super-Organisation der Regensburger: Wasser und Cola in rauhen Mengen und ohne Anstehen, eine ausführliche Massage auch fast ohne Wartezeit, und das ganze jetzt sogar bei Sonnenschein!

Fazit: Ein empfehlenswerter Marathon: Eine (meist) schöne und flache Strecke, super Organisation, das Wetter hat auch mitgespielt und ich habe mein persönliches Ziel erreicht.