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New York City Marathon 2009

Wenn man zum 40. Geburtstag von der der ganzen Familie einen Gutschein für New York bekommt: Was liegt näher, als mit 42 Jahren (und leider noch nicht ganz 195 Tagen…) den 40. New York Marathon anzugehen? Doch genug der Zahlenspiele, denn am 1.11.2009 war es soweit.

<Vorwettkampfgejammer>
Sechs Wochen vor dem Marathon nach 18km super Speed beim Tegernseelauf Schmerzen im Oberschenkel hinten – das, was auf Englisch so appetitlich „hamstring“ genannt wird. Also auf Ruhe schalten, nur noch die langen, langsamen Läufe am Wochenende und zwei kurze langsame dazwischen. Entspannend, wirkungsvoll (der hamstring bleibt ruhig) und eine gute Vorbereitung auf das New Yorker Tempo: Nur so schnell, daß man keine Kinderhand zum High-Five verfehlt.

Zwei Wochen vor dem Marathon umzingeln mich dann die Erkältungen: Kinder, Frau, Kollegen, alle schniefen und husten um die Wette. Also wenn schon, dann bitte jetzt gleich (damit’s nach einer Woche wieder vorbei ist) oder nie. Dank Massen von Vitamin C, zwei Paar Socken und dicken Pullovern blieb’s beim „Nie“. Was eine gesunde Einbildung für gesundheitsfördernde Wirkungen haben kann!
</Vorwettkampfgejammer>

Donnerstag abend: Müde, aber gesund in New York. Im Flugzeug, im Hotel, auf den Straßen wimmelt es von Leuten mit Laufschuhen an den Füßen. Am kernigsten sehen die Italiener aus, am sportlichsten die Franzosen, am normalsten die Deutschen und am lustigsten die Holländer. Diese vier Gruppen machen auch zusammen schon fast 30% des Starterfeldes aus. Auch mein Ziel ist eher normal und nicht kernig, eher gesund als sportlich: Den ganzen Lauf genießen, Zeit für High Fives haben, jeden „Rrrooolf“ Cheerleader zurückanlächeln, Fotos und Filme machen – und in die New York Times kommen. Aufgrund der Rekordteilnehmerzahl dieses Mal stellt sich dieses als etwas anspruchsvoller als gedacht heraus: Das Gerücht geht um, man müsse unter 4:30h statt 5:00h laufen, um noch mit auf die Seiten zu passen. Also nehme ich mir die Marschtabelle vor, die Herbert Steffny bei der Hafenrundfahrt am Freitag abend empfiehlt: 10 Minuten pro Meile, einfach zu rechnen, ergibt 4:22h. Am Freitag morgen hatte er uns schon anschaulich über die letzten zwei hügeligen Meilen des Central Park bis ins Ziel geschickt. Diese vergehen am Sonntag dann auch wie im Flug, die Steigung vor dem Abzweig in den Central Park war das Problem. Aber ich greife vor.

Vor den Marathon haben die Veranstalter am Samstag den „International Friendship Run“ vom UNO Gebäude bis neben das Marathonziel gesetzt. Ein großer Spaß in den wildesten Verkleidungen vier Kilometer durch die Wolkenkratzerschluchten von Manhattan.

Danach warten noch zwei große Herausforderungen auf den ungeduldigen und technikverliebten Läufer: Erstens am Samstag nicht mehr durch ganz Manhattan zu rennen um sich die Stadt anzuschauen und zweitens in der Nacht die diversen mitgebrachten und im Hotel vorgefundenen High-Tech Wecker so einzustellen, daß sie auch nach der in der Nacht erfolgten Umstellung auf Winterzeit zum richtigen Zeitpunkt wecken! Die Busse sollen um 5:45 Uhr fahren. Also stelle ich Handy und Hotelwecker schon mal am Abend manuell um und sicherheitshalber auf 4:00 Uhr, die Pulsuhr auf 5:00 Uhr. Mit der Folge, daß alle drei Störenfriede am Sonntag morgen zur gleichen Zeit losgehen! Ein schneller Blick in das TV-Lokalprogramm zeigt 5:00 Uhr Winterzeit, also alles in Ordnung. Ich begreife zwar nicht, warum um 4:00 nichts geklingelt hat, aber ich soll ja heute auch nicht denken, sondern laufen.

Gegen 6:30 Uhr fährt der Bus über die Verrazano Narrows Brücke nach Staten Island, also die ersten zwei Meilen in umgekehrter Richtung. Ist das hoch! Und ist das Panorama atemberaubend! Die Vorfreude wird noch verstärkt durch den leichten Nieselregen. Ich liebe Nieselregen beim Laufen. Alle meine Bestzeiten bin ich bei Nieselregen gelaufen. Aber halt: Heute will ich ja Spaß mit den Zuschauern haben, keine Rekorde laufen. Also verspreche ich dem Wettergott beim Start eine etwas aus der Mode gekommene aber ansonsten wirklich wunderschöne Winterjacke zu opfern. Das wirkt. Kein Regentropfen mehr – sogar bis zum Ende der Reise!

Die Zeit von 6:45 bis 10:00 Uhr gilt es jetzt zu warten, warm zu bleiben, Bagel und Powerbars zu essen und Wasser zu trinken, dessen Name poetisch mit „Frühling in Polen“ oder eher unsentimental mit „Polenquelle“ übersetzt werden kann. Damit man soviel Frühling nicht mit auf die herbstliche Laufstrecke mitnehmen muß, sind auf dem Gelände riesige Mengen an Dixi-Klos verteilt. Die erste Laufveranstaltung, die ich ohne Schlangen vor diesen Häuschen erlebe!

Um 9:10 Uhr wird die erste Startgruppe in ihre „Corrals“ gerufen. Für „to corral“ gibt es leider keine poetische sondern nur die unsentimentale Form der Übersetzung: „einsperren“. Daß das für alle anderen „ausperren“ bedeutet, sollten wir gleich erleben. Denn als wir (die 10:00 Uhr Welle) uns nach Aufforderung um 9:30 Uhr auf den Weg zu unseren Corrals machen, ist der Engpaß zu den vorderen fünf „Ställen“ so groß, daß wir es nicht rechtzeitig schaffen. So stehen wir kurz vor 10 Uhr neben unserem (halb leeren) Startbereich und die Tore sind zu. Kurz vor dem Startschuß rücken die Startbereiche auf, und wir sind ausgesperrt! Erste Verzweifelte beginnen über die Absperrung zu klettern und werden von den Corralwärtern unter Androhung der Höchststrafe (Startnummer abreißen) zurückgeschickt. Das Adrenalin kocht hoch, die Masse beginnt lautstark zu murren. Mit dem Ergebnis, daß berittene Polizei in die Corrals einrückt, um uns draußen zu halten. In welchem Film bin ich hier? Wir hören den Startschuß und Frank Sinatra von ferne singen und erwarten schon, von der jetzt anrückenden dritten Startwelle am Corralzaun totgedrückt zu werden, da öffnet ein Menschenfreund doch noch das Tor und wir laufen der zweiten Startgruppe hinterher. Da ist die Startmatte, da ist die riesige Brücke, es geht los. Ohne Böller und Frankie, aber was soll’s: Wir laufen!

Die ersten zwei Meilen auf der Brücke sind etwas unwirklich. Wie in Trance laufe ich, weiche weggeworfenen ihre Schuldigkeit getan habenden hochmodischen 70er-Jahre Trainingsanzügen aus, mache erste Fotos und versuche ansonsten zu vermeiden, daß mir der Wind die flatternde Startnummer und Glücksbringerkappe wegreißt. Aber in Brooklyn wird dann alles anders. Menschenmassen links und rechts, Anfeuerung, Anlächeln, High-Five, jede Meile eine andere Band – die ersten Meilen vergehen wie im Flug.

Mit jeder Meile kommen mehr Menschen dazu, sogar in Williamsburg klatschen einige der sonst eher zurückhaltenden orthodoxen Juden. Kurz vor der Pulaski-Brücke, welche die Halbmarathonmarke markiert, blinkt eine große Leuchtschrift „Slow down, sharp left turn“. Slow down? Ich schaue auf die Uhr: 10 Minuten pro Meile? Ich bin bei etwa 9:30, also auf 4:10h Tempo. Aber bis jetzt habe ich Spaß und genieße jeden Meter.

Alle Laufberichte von New York sagen voraus, daß die Müdigkeit auf der Queensboro Brücke nach Manhattan kommt, bei Meile 15. Und sie haben recht. Keine Cheerleader, nur Läufer, von denen viele schon gehen. In Manhattan angekommen, auf der First Avenue gibt es zwar wieder viele Jubler, aber die sind „bestellt“. Daran zu erkennen, daß sie nur „ihren“ Läufer suchen und ansonsten still sind, jedenfalls nicht einen Unbekannten mit „Rrrooolf“ anfeuern würden. So wie häufig in Deutschland. Einzige Ausnahme: Die ganz in Oranje gekleideten Holländer. Meine bestelle Jublerin sollte bei Meile 17 stehen. Ich sehe sie nicht, sie mich schon und macht ein wenig schmeichelhaftes Foto von mir: Tunnelblick, starr geradeaus. Hm.

Immerhin gibt es bei Meile 17 außer Gatorade (lieber nicht) und Wasser (jede Meile ein halber Becher) etwas „zu essen“: Gelpakete. Ich schnappe mir drei und beschließe diese zusammen mit den mitgebrachten Gels in einer „Zwei Meilen Strategie“ zu verputzen. Zwei Gels und vier Meilen später läufen wir in die Bronx ein, zu die deutsche Nationalhymne intonierenden Dudelsackpfeifern, und mir geht es viel besser. Ein paar Haken schlagen in der Bronx, und zurück geht es nach Manhattan.

Diese Meilenzählung hat einen psychologischen Vorteil. Es gibt nur gut 26 davon zu laufen. Und wir sind schon bei Meile 22. Jetzt sind – wie schon in der Bronx – auch wieder die Cheerleader da, die jeden persönlich nach vorne schreien. Ein Adrenalinstoß alle 20 Meter. Das gibt es nur hier! Allerdings brauche ich diese Adrenalinstöße jetzt auch, denn der lange Anstieg neben dem Nordteil des Central Parks bis zum Engineers Gate, wo wir in den Park einbiegen sollen, beginnt. Eine lange Strecke. Und ein Anstieg. Und lang. Und es geht berghoch. Ächz. Endlich biegen wir ab. Es geht bergab, Meile 24 ist bald geschafft. Hier geht es mir wunderbar und das zweite Zusammentreffen mit der bestellten Jublerin läuft schon viel entspannter ab.

Zeit für ein breites Lächeln und das Abholen einen letzten Motivationsschubes. Ab jetzt kenne ich ja die Strecke vom Testlauf am Freitag. Ein paar Kurven, raus aus dem Park, ein Anstieg der sich nicht so anfühlt, wieder zurück in den Park, noch 400 Meter, noch 200 Meter, im Ziel.

Geschafft, stolz glücklich: 4:15:36 Platz 20451. Schade, schon vorbei.

Danke, New York!